Bonnet Plume Rain
Ein verregneter Sommer im Yukon
Nach der Fahrt im gemütlichen Van von Yukon Nature Tours von Whitehorse nach Mayo, starten zunächst Siggi und ich mit der kleinen Cessna der Blacksheep Aviation hinauf in die Berge zu unserem Ausgangspunkt, dem Bonnet Plume Lake auf 1.200 Metern Höhe. Das Flugzeug ist so schwer beladen, dass erst der zweite Startversuch klappt. Scheinbar ewig rumpeln wir den Stewart River hinunter, um knapp vor der nächsten Kurve endlich abzuheben. Je höher wir in die Berge kommen, umso schlechter wird das Wetter. Nach einer guten Stunde schwenken wir auf den Bonnet Plume River ein und können gleich eine seiner heftigen Stromschnellen aus der Luft begutachten. Wenig später landen wir im strömenden Regen auf dem See. Unser Pilot brummt unverzüglich zurück, während wir das Lager aufbauen und Feuerholz schlagen. Als Petra und Sabine drei Stunden später einfliegen, hat sich der Himmel aufgeklart und im Sonnenschein bekommen wir einen ersten Blick auf die traumhafte Berglandschaft, die uns umgibt.
Als wir mit den Kanus ablegen, lacht die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Am Ausgang des Sees stehen die Graylinge so dicht im flachen Wasser, dass man sie wahrscheinlich sogar mit der Hand fangen könnte. Der Bonnet Plume River begrüßt uns mit eisgrauem Wasser und schneller Strömung. Acht Kilometer später beginnt in einer Linkskurve der Rockslide Canyon, der durch einen gewaltigen Erdrutsch entstanden ist. Das Flussbett verengt sich und in hoher Geschwindigkeit rauscht das Wasser durch zahlreiche Kurven und Verblockungen. Das Manövrieren mit den schwer beladenen Kanus bringt uns ins Schwitzen. Immer wieder peilen wir die nächste Innenkurve an und kreuzen dabei die rasante Hauptströmung mit etlichen Hindernissen. Nach jeder Biegung bleiben uns nur Momente, um eine blitzschnelle Entscheidung für die weitere Route zu treffen. Aber wir fühlen uns sicher und der wilde Ritt macht zunehmend Spaß.
Die Niederschläge nehmen zu, obwohl uns eine gelegentliche Sonne immer wieder hoffen lässt. Der Wasserstand dürfte dem des Frühsommers nahe kommen. Es gibt Abschnitte, da fließt der Fluss links und rechts durch den Wald. Eines Abends wird angesichts des Regens und der aus unseren, zum Trocknen am Ofen platzierten, Neoprenstiefeln aufsteigenden Gerüche die Idee geboren, daraus ein Parfüm zu kreieren. Ein Name ist schnell gefunden: Bonnet Plume Rain - der Duft des "harten" Wildwasser-Abenteurers.
Im Dauerregen erreichen wir auch die Schlüsselstelle des Flusses. Über schlüpfriges Gestein balancierend, inspiziere ich den ganzen Abschnitt. In voller Breite stürzt der Bonnet Plume River über einen Felsriegel und erzeugt dabei eine stark rückläufige Walze - Wildwasser Stufe 4! Dann zieht das Wasser turbulent und S-förmig durch zwei Kurven. Direkt danach befindet sich auf der linken Seite hinter einer schrägen Walze noch ein Kehrwasser, bevor eine mächtige Verblockung (WW 5) den Fluss zum Kochen bringt. Als ich zurück komme, sind Siggi und Bine schon auf der anderthalb Kilometer langen Portage. Petra und ich machen uns fertig, seilfähren auf die andere Seite des Flusses und tasten uns an die Stufe. Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir einen schmalen Durchlass auf der rechten Seite möglichst gerade und mit möglichst viel Geschwindigkeit treffen müssen. Eine Verblockung unmittelbar davor erschwert das Manöver. Wir haben nur zwei, drei Schläge zum Beschleunigen, dann kippt das Kanu nach unten. Für einen Moment ist Petra in der Welle verschwunden, dann taucht der Bug wieder auf. Wir stabilisieren das Kanu mit der flachen Stütze und wollen gerade erleichtert aufatmen, als wir registrieren, dass wir quasi auf der Stelle stehen und schließlich beginnen, uns rückwärts zu bewegen. Der Rücklauf der Walze hat uns erfasst. Wir hauen rein, was das Zeug hält und können uns im Zeitlupentempo aus der Gefahr befreien. Mit der Seilfähre rückwärts um die Rechtskurve und dann diagonal durch die Hauptströmung ins rettende Kehrwasser auf der linken Seite. Geschafft! Die Portage um den Fünfer ist kurz, unmittelbar danach setzen wir wieder ein und durchfahren den Rest des Canyons, der noch einige haarige Wildwasser-Passagen zu bieten hat.
Dort, wo der Fairchild Creek die Berge verlässt, stürzt sein Wasser geräuschvoll durch eine Klamm. Oberhalb davon mäandert er durch sumpfige Wiesen, die schließlich zu seinem Ursprung führen, dem malerisch von Bergen umgebenen Fairchild Lake.
An der Mündung des Rapitan Creek und in der Nähe des Margaret
Und er tut es auch noch am nächsten Morgen - wo kommt nur das ganze Wasser her? Es sind nur noch wenige Kilometer bis zum Peel River. Der Bonnet Plume River verzweigt sich bald in unzählige Arme und nimmt noch mal richtig Fahrt auf. Unmengen von Treibholz schwimmen im Fluss und wir müssen höllisch aufpassen. Wie eine spanische Caravelle schaukelt in einem Nebenarm ein ganzer Baum mit seinem kompletten Wurzelstock davon. Umgestürzte Bäume bilden gefährliche Unterspülungen. Schließlich schießen wir in voller Fahrt hinaus auf den breiten Peel River, der uns mit träger Strömung empfängt.
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Offensichtlich konnte es wegen des schlechten Wetters nicht starten. Die Stelle wird Taco Bar genannt, Zielort für diejenigen, die sich von hier wieder Ausfliegen lassen und nicht auf dem Peel River weiter wollen. Eigentlich ist hier eine breite Kiesbank, auf der man Zelten kann, jetzt aber zieht der Fluss in voller Breite durch das Tal. Die beiden erzählen uns, dass dies der niederschlagreichste Sommer im Yukon seit 35 Jahren ist. Und wir waren dabei!
Je weiter nordwärts wir kommen, umso schwieriger wird es, Lagerplätze, Trinkwasser und Feuerholz zu finden. Die Ufer sind meist gesäumt von dichtem, zähen Busch. Das viele Wasser, das aus den Bergen herunter läuft, hat jetzt auf dem Peel River auch sein gutes - seine Strömung ist stärker und reicht etwas weiter als gewöhnlich. Erst über dem Polarkreis, nach der Einmündung des Trail River, wir haben noch gut 90 Kilometer vor uns, wird der mächtige Fluss fast zum stehenden Gewässer. Aber es bleibt windstill. Der 67. Breitengrad markiert die Grenze zwischen dem Yukon Territorium und den Nordwest Territorien. Fast genau hier entdecken wir am linken Ufer ein hölzernes Denkmal unter der kanadischen Flagge. Hier starben im Februar 1911 zwei Angehörige der jährlichen Hundeschlitten-Patrouille zwischen Fort McPherson und Dawson City. Ihre Tragödie ist als "Lost Patrol" in die Geschichte der berittenen kanadischen Polizei (NWMP, heute RCMP) eingegangen. Nachdem sie am Little Wind River den Pass zum Hart River nicht fanden, traten sie zu spät den Rückzug an und starben an Hunger und Erschöpfung nur relativ wenige Kilometer vor Fort McPherson. Die beiden anderen Mitglieder der Patrouille schafften es nur wenige Kilometer weiter, bis auch sie starben.
Kurz vor unserem Ziel klart das Wetter auf. Nach einer kalten
Nacht ist das Wasser im Topf von einer dicken Eisschicht überzogen, aber der
Himmel ist blau und bald wärmen uns die Sonnenstrahlen. Als wir in Fort
McPherson unsere Kanus aus dem Wasser ziehen, liegen fast 600 Kilometer
Flussreise hinter uns. Gemessen an vielen früheren Touren war es für Petra und
mich eine eher leichte Tour. Den Bonnet Plume River konnten wir bis auf zwei
kurze und einfache Portagen trotz des hohen Wasserstandes komplett befahren.
Was noch blieb, war eine traumhafte Rückfahrt durch eine faszinierende Landschaft im Sonnenschein auf dem Dempster Highway mit Tom im gemütlichen Van von Yukon Nature Tours. Mit an Bord Anton, Moni, Frank und Günter aus Ravensburg, die über den Hart River kamen. Um über deren beeindruckende Abenteuer zu berichten, ist ein eigenes Kapitel erforderlich. Gemeinsam erreichen wir kurz vor Mitternacht Dawson City und schaffen es noch zum letzten Vorhang der Bühnenshow im Diamond Tooth Gerties, bevor man uns gegen halb Drei in der Früh als letzte Gäste höflich hinaus komplimentiert.
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