LAPPLAND
In der letzten Wildnis Europas
Mit der Nachtfähre sind wir von Kiel nach Göteborg übergesetzt. Auf der Reichsstrasse 45, dem so genannten Lappland Highway, rollen wir nach Norden. Schnell entsteht der erste Kontrast für den mitteleuropäischen Autofahrer - stressfreies Autofahren. Wenige Fahrzeuge, kein Rasen, kein Drängeln - ein Gefühl, das sich verstärkt, je weiter wir nach Norden kommen. Die Entfernungen zwischen den Ortschaften werden immer größer, der wachsame Blick auf die Tankanzeige immer notwendiger. Überhaupt nicht autoscheu präsentieren sich die ersten wildlebenden Rentiere, die ganz ungeniert die Strasse zum besseren Fortkommen benutzten. Weit im Norden zweigen zwei Straßen vom Lappland Highway ab und führen in diese letzte Wildnis: Im Süden endet die hundertfünfzehn Kilometer lange Sackgasse bei der Ortschaft Kvikkjokk, nördlich von Porjus kann man entlang der riesigen Seen Stora Lulevatten und Akkajaure über einhundertsechzig Kilometer bis zur einsamen Sitasjaurestugorna am Abfluss des Sitasjaure fahren. Hier ist für uns "end of the road". Unbewacht und ungefährdet bleibt das Auto die nächsten Wochen hier stehen.
Ein Nordwest-Sturm zwingt uns für einige Tage an Land, die Wellen auf dem See sind meterhoch. Die Temperatur fällt und die Schneegrenze sinkt auf unter neunhundert Meter. In unserem kleinen Camp aus Bergzelt, Windschutz und Feuerstelle haben wir keine Langeweile. Wir wandern hinauf in die Berge zu den Schneefeldern, genießen die unermessliche Weite dieser baumlosen Landschaft und die abendlichen Schwarzer-Peter-Spiele im Zelt.
Im zweiten Teil der Reise paddeln wir von Kvikkjokk den Tarraätno weit stromauf. Hier dominiert üppiger Nadelwald. Wir beobachten eine Elchkuh mit ihrem Jungen beim Baden und verfolgen den erfolglosen Angriff eines Adlers auf einen Schwarm Enten. Nach einigen Tagen drehen wir die Kanus um, paddeln den Fluss hinunter bis hinaus auf den riesigen See Saggat, wo wir auf einer Insel für mehrere Tage unser Lager aufschlagen. Sicherlich hat sie einen Namen, aber weil wir hier Unmengen Heidelbeeren finden, nennen wir sie Blaubeer-Insel und backen uns am Lagerfeuer mit Beeren gefüllte Brötchen. Inzwischen hat der Herbst mit seinen Farben die Herrschaft übernommen. Die Hänge des Sarek sind bis weit in die Täler weiß und in der Nacht beißt uns der Frost in die Nasen. Unsere Zeit hier oben neigt sich dem Ende entgegen - für diesmal.
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