|
SOUTH NAHANNI
WINTER TRAIL
Mit Schneeschuhen und Toboggans unterwegs in der kanadischen Wildnis
Vor einigen Jahren stand ich an einem heißen Sommertag zusammen mit Petra, unseren
Kindern und einem Warden der Nationalparkverwaltung auf dem nördlichen
Tufa-Mound am Oberlauf des South Nahanni River. Noch fast am Beginn unserer rund
fünfhundert Kilometer langen Kanutour hatten wir einen Abstecher zu den
nördlichsten Kalksinterterrassen der Erde gemacht. Wir blickten hinüber zum Rabbitkettle River, über unendliche Wälder und
hinauf zu den wilden Bergformationen der Ragged Range. Zu unseren Füßen rann warmes Wasser aus dem Jahrtausende alten
Gestein und ich fragte mich, wie es hier wohl im gefürchteten kanadischen Winter
aussehen würde. Damals entstand der Traum von einer Wintertour.
Acht Jahre später. In einem Jetranger nähern wir
uns dem Cirque of the Unclimbable, dem Kreis der Unbezwingbaren, mit seinen
senkrechten Tausend-Meter-Wänden. Neben mir sitzt Karry, der Pilot unseres
Helikopters, auf dem Rücksitz hat sich Petra geradeso neben unseren Gepäckberg
gequetscht. Weit vorn taucht der South Nahanni River auf, ein weißes Band
zwischen den Bergriesen. An der Mündung des Brintnell Creek landen wir im
Schneesturm des Rotors. Hier haben Sarah und Lennart damals Sandburgen gebaut.
Jetzt ist alles tief verschneit und von Elchfährten verziert. Im Sonnenschein
und bei -20° Celsius stapeln wir unsere Ausrüstung neben dem Hubschrauber.
Karry fällt es sichtlich
schwer, uns hier allein zu lassen. Buschpiloten in Nordkanada sind einiges
gewohnt und kaum aus der Fassung zu bringen. Aber zwei Abenteurer, noch dazu
Europäer, im Winter ohne Funkgerät in der Wildnis auszusetzen, gehört auch für
sie nicht zum Alltag, zumal gerade sie den Begriff Wildnis richtig einschätzen
können. Doch
wir wissen, was wir tun. Rund anderthalb Jahre haben wir uns vorbereitet:
Ausrüstung angeschafft, Landkarten studiert, uns mit den Gegebenheiten der
Fortbewegung auf einem zugefrorenen Fluss vertraut gemacht, Schneeschuhlaufen
trainiert, unsere Expeditionsküche zusammengestellt. Dabei verzichten wir
weitgehend auf Hightech-Produkte der modernen Outdoorhersteller. Unsere
Philosophie liegt im Vertrauen in die traditionellen Mittel der Trapper,
Goldsucher und Prospektoren, die noch vor einigen Jahrzehnten durch diese Wälder
streiften und ihr Wissen von deren ursprünglichen Bewohnern, den Dene-Indianern,
bezogen.
Als Karry uns verläßt, sind wir die einzigen
Menschen im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Es liegt viele Jahre
zurück, dass sich einige wenige Menschen, meist Goldsucher und Trapper, im
Winter in dieses Gebiet wagten. So war es
uns auch nicht möglich, im Vorfeld aktuelle Informationen über den Zustand des
Eises einzuholen.
Selbst bei größter Kälte friert ein Fluss wie der South Nahanni River nicht
vollständig zu. In Stromschnellen und
Mündungsbereichen von
Nebenflüssen und –bächen werden wir sehr vorsichtig sein müssen, kommen im
schlimmsten Fall gar nicht weiter. All das haben wir versucht, einzukalkulieren.
Die
Eindrücke, die wir in den folgenden Wochen sammeln, sind geprägt von dieser
unglaublichen Stille, in der man den eigenen Herzschlag hört und anfangs gar
nicht weiß, wo das Geräusch herkommt. Niemals zuvor haben wir geradezu
körperlich gespürt, wie gewaltig die Natur und wie unbedeutend der Mensch ist.
Klein wie Ameisen stapfen wir auf Rohhaut-Schneeschuhen durch den tiefen Schnee
und ziehen unser Hab und Gut auf Toboggans hinter uns her. Aus der Luft sah die
Oberfläche des South Nahanni so schön glatt und eben aus. Jetzt treffen wir auf
tiefe Schneeverwehungen, auf dünnes Eis und
offene Stellen, wir bleiben im
Slush
stecken und müssen kilometerlange Umwege gehen. Es ist sehr anstrengend. Zweimal
breche ich kurz nacheinander ein, kann aber mit schneller Reaktion Schlimmes
verhindern. Unser Lager schlagen wir auf Inseln oder auf dem Eis auf. Auch das
ist harte Arbeit nach dem Tagesmarsch. Erst wenn ein kleiner Berg Feuerholz
geschlagen ist, können wir die verdiente Ruhe genießen. Wunderschön sind dann
die Abende im Zelt, wenn die Scheite im Ofen knacken und der Duft
frischgebackenen Brotes aufsteigt.
Die
Temperaturen fallen unter -40° Celsius und es klingt, als ob Schüsse knallen,
wenn sich
das Eis in der großen Kälte zusammenzieht. Einmal stolziert ein Elch
fast durch unser Camp, und wir bekommen Gänsehaut, wenn das Nordlicht über den
Himmel geistert und Wölfe um unser Lager heulen. Ein andermal müssen wir das
Zelt im Sturm aufrichten und beten, dass es den Orkanböen standhält, da die
frisch eingeschlagenen Heringe nur locker im splitternden Eis sitzen. Als wir
die Kåta
später abbauen, sind sie fest eingefroren wie in Beton. Von unseren Lagerplätzen
unternehmen wir Touren in die umliegenden Berge. Die Landschaft am South Nahanni
River gehört für uns zum Schönsten, was wir bisher gesehen haben und wir
genießen das Gefühl, ganz allein in diesen Wäldern zu sein.
|