South Nahanni Winter Trail

MIT SCHNEESCHUHEN UND TOBOGGANS UNTERWEGS IN DER KANADISCHEN WILDNIS

“This area at that time of year is very dangerous. It is 200 miles from Fort Simpson and in February the weather is quite extreme. I suggest you do quite a bit of research before you consider this.“ Antwort eines Flugunternehmens in den Nordwest Territorien auf unsere Anfrage nach dem Einfliegen an den Oberlauf des South Nahanni River.

Vor einigen Jahren stand ich an einem heißen Sommertag zusammen mit Petra, unseren Kindern und einem Warden der Nationalparkverwaltung auf dem nördlichen Tufa-Mound am Oberlauf des South Nahanni River. Noch fast am Beginn unserer rund fünfhundert Kilometer langen Kanutour hatten wir einen Abstecher zu den nördlichsten Kalksinterterrassen der Erde gemacht. Wir blickten hinüber zum Rabbitkettle River, über unendliche Wälder und hinauf zu den wilden Bergformationen der Ragged Range. Zu unseren Füßen rann warmes Wasser aus dem Jahrtausende alten Gestein und ich fragte mich, wie es hier wohl im gefürchteten kanadischen Winter aussehen würde. Damals entstand der Traum von einer Wintertour.

Acht Jahre später. In einem Jetranger nähern wir uns dem Cirque of the Unclimbable, dem Kreis der Unbezwingbaren, mit seinen senkrechten Tausend-Meter-Wänden. Neben mir sitzt Karry, der Pilot unseres Helikopters, auf dem Rücksitz hat sich Petra geradeso neben unseren Gepäckberg gequetscht. Weit vorn taucht der South Nahanni River auf, ein weißes Band zwischen den Bergriesen. An der Mündung des Brintnell Creek landen wir im Schneesturm des Rotors. Hier haben Sarah und Lennart damals Sandburgen gebaut. Jetzt ist alles tief verschneit und von Elchfährten verziert. Im Sonnenschein und bei -20° Celsius stapeln wir unsere Ausrüstung neben dem Hubschrauber.

Karry fällt es sichtlich schwer, uns hier allein zu lassen. Buschpiloten in Nordkanada sind einiges gewohnt und kaum aus der Fassung zu bringen. Aber zwei Abenteurer, noch dazu Europäer, im Winter ohne Funkgerät in der Wildnis auszusetzen, gehört auch für sie nicht zum Alltag, zumal gerade sie den Begriff Wildnis richtig einschätzen können. Doch wir wissen, was wir tun. Rund anderthalb Jahre haben wir uns vorbereitet: Ausrüstung angeschafft, Landkarten studiert, uns mit den Gegebenheiten der Fortbewegung auf einem zugefrorenen Fluss vertraut gemacht, Schneeschuhlaufen trainiert, unsere Expeditionsküche zusammengestellt. Dabei verzichten wir weitgehend auf Hightech-Produkte der modernen Outdoorhersteller. Unsere Philosophie liegt im Vertrauen in die traditionellen Mittel der Trapper, Goldsucher und Prospektoren, die noch vor einigen Jahrzehnten durch diese Wälder streiften und ihr Wissen von deren ursprünglichen Bewohnern, den Dene-Indianern, bezogen.

Als Karry uns verläßt, sind wir die einzigen Menschen im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Es liegt viele Jahre zurück, dass sich einige wenige Menschen, meist Goldsucher und Trapper, im Winter in dieses Gebiet wagten. So war es uns auch nicht möglich, im Vorfeld aktuelle Informationen über den Zustand des Eises einzuholen. Selbst bei größter Kälte friert ein Fluss wie der South Nahanni River nicht vollständig zu. In Stromschnellen und Mündungsbereichen von Nebenflüssen und –bächen werden wir sehr vorsichtig sein müssen, kommen im schlimmsten Fall gar nicht weiter. All das haben wir versucht, einzukalkulieren.

Die Eindrücke, die wir in den folgenden Wochen sammeln, sind geprägt von dieser unglaublichen Stille, in der man den eigenen Herzschlag hört und anfangs gar nicht weiß, wo das Geräusch herkommt. Niemals zuvor haben wir geradezu körperlich gespürt, wie gewaltig die Natur und wie unbedeutend der Mensch ist. Klein wie Ameisen stapfen wir auf Rohhaut-Schneeschuhen durch den tiefen Schnee und ziehen unser Hab und Gut auf Toboggans hinter uns her. Aus der Luft sah die Oberfläche des South Nahanni so schön glatt und eben aus. Jetzt treffen wir auf tiefe Schneeverwehungen, auf dünnes Eis und offene Stellen, wir bleiben im Slush stecken und müssen kilometerlange Umwege gehen. Es ist sehr anstrengend. Zweimal breche ich kurz nacheinander ein, kann aber mit schneller Reaktion Schlimmes verhindern. Unser Lager schlagen wir auf Inseln oder auf dem Eis auf. Auch das ist harte Arbeit nach dem Tagesmarsch. Erst wenn ein kleiner Berg Feuerholz geschlagen ist, können wir die verdiente Ruhe genießen. Wunderschön sind dann die Abende im Zelt, wenn die Scheite im Ofen knacken und der Duft frischgebackenen Brotes aufsteigt.

Die Temperaturen fallen unter -40° Celsius und es klingt, als ob Schüsse knallen, wenn sich das Eis in der großen Kälte zusammenzieht. Einmal stolziert ein Elch fast durch unser Camp, und wir bekommen Gänsehaut, wenn das Nordlicht über den Himmel geistert und Wölfe um unser Lager heulen. Ein andermal müssen wir das Zelt im Sturm aufrichten und beten, dass es den Orkanböen standhält, da die frisch eingeschlagenen Heringe nur locker im splitternden Eis sitzen. Als wir die Kåta später abbauen, sind sie fest eingefroren wie in Beton. Von unseren Lagerplätzen unternehmen wir Touren in die umliegenden Berge. Die Landschaft am South Nahanni River gehört für uns zum Schönsten, was wir bisher gesehen haben und wir genießen das Gefühl, ganz allein in diesen Wäldern zu sein.